Warum das Engagement des Vorstands für Nachhaltigkeit entscheidend ist
3 min readBilinç Sezgin

Warum das Engagement des Vorstands für Nachhaltigkeit entscheidend ist

In den vergangenen zehn Jahren hat sich Nachhaltigkeit von einem Thema auf der Unternehmensagenda zu einem grundlegenden Bestandteil der Unternehmensführung entwickelt. Seit Ende der 2010er-Jahre und verstärkt zu Beginn der 2020er-Jahre hat sich die freiwillige Nachhaltigkeitsberichterstattung nach den GRI-Standards zunehmend etabliert. In der Türkiye erhielt das Thema Nachhaltigkeit im Jahr 2021 eine zusätzliche Dimension, als die Ratifizierung des Pariser Klimaabkommens die regulatorischen Erwartungen stärker in den Fokus rückte.

Ein bedeutender Meilenstein folgte im Jahr 2024, als die Nachhaltigkeitsberichterstattung gemäß den Türkischen Standards für die Nachhaltigkeitsberichterstattung (TSRS) für Unternehmen verpflichtend wurde, die die von der Behörde für öffentliche Aufsicht sowie Rechnungslegungs- und Prüfungsstandards (KGK) festgelegten Kriterien erfüllen. Die in den vergangenen zwei Jahren veröffentlichten Berichte liefern wertvolle Einblicke darüber, wie Unternehmen verschiedener Branchen ihre Nachhaltigkeitsstrategien gestalten. Zu den aufschlussreichsten Offenlegungen gehört ein Aspekt, den die TSRS ausdrücklich verlangen: die Rolle des Vorstands bei der Governance der Nachhaltigkeit. Da nun die ersten TSRS-Berichte für das Berichtsjahr 2025 veröffentlicht werden, ist dies ein geeigneter Zeitpunkt, dieses zentrale Thema erneut in den Blick zu nehmen.

Die TSRS gehen weit über die Bilanzierung von Treibhausgasemissionen hinaus. Im Mittelpunkt der Standards steht die Frage, wie wirksam nachhaltigkeitsbezogene Risiken und Chancen in das Geschäftsmodell, die strategischen Prioritäten und die Entscheidungsprozesse eines Unternehmens integriert sind. Einer der aussagekräftigsten Indikatoren hierfür findet sich im Abschnitt Governance des Berichts. Diese Offenlegungen sind weit mehr als eine regulatorische Anforderung – sie dienen als Gradmesser dafür, ob Nachhaltigkeit tatsächlich in der Unternehmensführung verankert ist.

Mit Ausnahme einiger etablierter Finanzinstitute und großer Unternehmen, die Nachhaltigkeit seit Langem als strategische Priorität betrachten und ihre Governance-Strukturen transparent darlegen, scheinen viele Unternehmen auf die Anforderungen der TSRS nicht ausreichend vorbereitet gewesen zu sein.

Ein genauerer Blick auf die aktuellen Berichterstattungen zeigt, dass Vorstände die Verantwortung für Nachhaltigkeit bislang noch nicht in dem Maße übernommen haben, wie es der gegenwärtige Wandel erfordert. Einer der deutlichsten Hinweise darauf ist die geringe Zahl von Vorstandsmitgliedern mit ausgewiesener Nachhaltigkeitsexpertise. Ebenso geben nur wenige Unternehmen an, dass die Vergütung von Führungskräften oder Vorstandsmitgliedern an Nachhaltigkeitsleistungen gekoppelt ist.

Auch die bislang eher begrenzte Nutzung finanzieller Analysen zu klimabezogenen Risiken und Chancen deutet darauf hin, dass diese Themen auf Vorstandsebene noch nicht mit der erforderlichen Regelmäßigkeit behandelt werden und Governance-Verantwortlichkeiten nicht konsequent und rechtzeitig zugewiesen werden. Infolgedessen verkünden Unternehmen zwar weiterhin ambitionierte Nachhaltigkeitsziele, doch die Governance-Mechanismen und Leistungsanreize, die für deren Umsetzung erforderlich sind, bleiben häufig unzureichend entwickelt.

Obwohl Nachhaltigkeit ursprünglich als Leitgedanke für den notwendigen Wandel zur Bewältigung der globalen Klimaherausforderungen entstand, hat sie sich zunehmend zu einer strategischen Notwendigkeit für Unternehmen entwickelt, die maßgeblich durch sich wandelnde regulatorische Rahmenbedingungen geprägt wird. Die TSRS spiegeln diesen Wandel wider, indem sie Nachhaltigkeit über die reine Berichterstattung hinausheben und sie in den Mittelpunkt der Unternehmensführung stellen. Die entscheidende Transformation muss daher dort beginnen, wo die wichtigsten unternehmerischen Entscheidungen getroffen werden: im Vorstand.

Eine Nachhaltigkeitsstrategie, die nicht von einem echten Engagement des Vorstands getragen wird, kann sich weder vollständig in der Unternehmensberichterstattung widerspiegeln noch die langfristige Widerstandsfähigkeit eines Unternehmens nachhaltig stärken. Letztlich wird der Erfolg von Nachhaltigkeit nicht allein durch die Ziele bestimmt, die Unternehmen kommunizieren, sondern dadurch, ob diese Ziele auf der höchsten Entscheidungsebene aktiv vertreten und vorangetrieben werden.

Bilinç Sezgin
Sustainability Lead, 3pmetrics

Tags

  • Nachhaltigkeit
  • TSRS
  • Governance
  • Vorstand
  • ESG